Dienstag, 16. Mai 2017

Das schwimmende Atomkraftwerk

An der Ostsibirischen See, im Nordosten Russlands, befindet sich die aus 4.000 Bewohnern bestehende russische Kleinstadt Pewek. Die Einwohner beziehen ihren Strom aus dem in 250 Kilometer Entfernung befindlichen Atomkraftwerk Bilibino. Nachdem dieses im Jahr 2021 geschlossen wird, hat sich der Rosenergoatom Konzern OAO (betreibt zehn Kernkraftwerke mit insgesamt 28 Reaktoranlagen) dazu entschlossen, auf dem Meer vor Pewek, ein schwimmendes Atomkraftwerk vor Ort zu bringen.
Die „Akademik Lomonossow“ wird derzeit im Hafen von St. Petersburg gebaut und soll nach deren Fertigstellung (es wird aus Sicherheitsgründen nicht verkündet, ob dies in einigen Wochen oder Monaten passiert), seine 10.000 Kilometer lange Reise nach Pewek antreten. Begleitet wird es von einem Eisbrecher und einem Schiff, welches die „Akademik Lomonossow“ ins Schlepptau nimmt. Die beiden Atomreaktoren verfügen übrigens über eine Leistung von jeweils 35 Megawatt. Damit könnte man einerseits locker eine Stadt von etwa 100.000 Einwohner versorgen, aber das Problem dabei ist, dass man dafür auch entsprechend gute Stromnetze braucht, welche in Pewek (derzeit) nicht gegeben sind.

Das Vorhaben, ein schwimmendes Atomkraftwerk am Ufer der Stadt Pewek zu errichten, wurde übrigens von der hiesigen Bevölkerung, am 4. April 2017 nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern ausdrücklich gewünscht. Um einen Eindruck davon zu bekommen wie groß dieses schwimmende Atomkraftwerk ist sei festzuhalten, dass es 130 Meter lang und 30 Meter breit ist. Es ist somit länger als ein Fußballplatz und hat in etwa die halbe Breite. Dieses Ungetüm wird also in absehbarer Zeit mit radioaktivem Brennstoff beladen und in der St. Petersburger Werft zu Probeläufen „hochgefahren“. Ein kleines Hoppala direkt vor der zweitgrößten Stadt Russlands und deren fünf Millionen Einwohner würden sich, wenn noch Zeit bleibt, mit strahlendem Herzen bedanken...

Die Wissenschaftler vertreten aber immerhin die Ansicht, dass Pewek ein hervorragender Stützpunkt für ein schwimmendes Atomkraftwerk wäre. Warum? Falls die Arktis für die Schifffahrt und die Rohstoffausbeutung frei wäre, dann braucht man nämlich unbedingt schwimmende Atomkraftwerke, um jene Infrastruktur zu liefern welche notwendig wäre, um die Errichtung kleiner Trabantenorte am Polarkreis zu errichten. Diese hätten beispielsweise den Sinn, das Meerwasser zu entsalzen und/oder die Ölbohrungen in der Arktis mit Strom zu versorgen.

Ein schwimmendes Atomkraftwerk, müsste auch für Terroristen sehr interessant sein, weil es ein leichtes Ziel darstellt. Man könnte es beispielsweise entführen Der russische Atomwissenschaftler Tichomirow verneint dies allerdings kategorisch, mit der Begründung, dass es auch bisher noch nie ein Terrorist versucht hätte, Schaden an einem Atomkraftwerk anzurichten. Na wenn er das sagt, dann wird dies wohl auch für immer und ewig Gültigkeit haben. Ich habe allerdings auch schon gehört, dass es für Alles ein erstes Mal gibt...

Für den Fall, dass es auf der „Akademik Lomonossow“ zu einem ernsthaften Störfall kommt, wird es sowieso kniffelig. Die Kleinstadt liegt nämlich derartig abgeschieden, dass es sehr lange dauern würde, bis Hilfstruppen am Ort des Geschehens eintreffen. Es handelt sich dabei um ein grundlegendes Problem von schwimmenden Atomkraftwerken. Diese werden ja für entlegen liegende Gebiete gebaut. Tichomirow versucht mögliche Sicherheitsbedenken damit zu widerlegen, indem er darauf hinweist, dass man bei der „Akademik Lomonossow“ keine Angst vor den Folgen eines Erdbebens oder Tsunamis haben müsse. Durch eingebaute Stelzen wäre es möglich, das riesige Monster auf dem Wasser ein kleines Stück nach oben zu heben. Ein zweites Fukushima wäre somit zu verhindern... Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass er damit ein zweites Fukushima verhindern kann, aber noch weniger kann ich glauben, dass er mit diesen Stelzen ein erstes Pewek verhindert...

Russland hat sich mit seinem schwimmenden Atomkraftwerk, welches vor Pewek „angesiedelt“ werden soll, keine Freunde unter seinen Nachbarn gemacht. Man wirft den Russen vor die Informationspflicht zu umgehen, weill man die „Akademink Lomonossow“ einem Atomeisbrecher gleichstellt.

Welchen Vorteil es hat das schwimmende Atomkraftwerk mit einem Atomeisbrecher gleichzustellen? Einen Atomeisbrecher darf man ohne Hearing betreiben... Welcher Geistesblitz hat sich diese Regelung einfallen lassen?